Von der Asphaltwüste zum lebenswerten Stadtteil: Fachwerkstatt stellt die Weichen für‘s Zukunftsquartier Freising

Luftaufnahme eines Bahnhofsumfelds, darauf orangefarbene Gebäudemodelle, von links greift eine Hand hinein.

Drei Tage, sieben Praxisprofis, eine Frage: Wie kommt das Zukunftsquartier Freising – einer unserer IBA-M-Projektkandidaten – vom Konzept zur Umsetzung? Darüber diskutierten Stadt, Fachleute und Politik bei einer Fachwerkstatt. Und schärften dabei auch, was das Projekt so besonders macht.

„Nächster Halt: Freising.“ Wer hier aus dem Zug steigt, freut sich vielleicht schon auf die frisch sanierte Altstadt. Oder den Dom, den man bequem mit der Bergbahn erreicht. Die vielen Gärten und grünen Oasen. Doch am Bahnhof angekommen, zeigt die Große Kreisstadt ein graues Gesicht: Leerstand, Parkplätze und Schotterflächen; die nahegelegene Isar ist kaum zu erahnen. Das soll sich ändern.

Unterwegs zum Bahnhofsquartier der Zukunft

Rund um den Bahnhof Freising soll ein „Zukunftsquartier“ entstehen. Ein neues Stadtviertel, in dem Familien gerne wohnen, auch ältere Menschen selbstständig mobil sein können und die Isar jederzeit zu einem Spaziergang einlädt. Ende 2025 wurde die Idee zum Projektkandidaten der IBA-M, der Internationalen Bauausstellung der Metropolregion München mit Schwerpunkt Mobilität.

Ideenskizze zum Zukunftsquartier Freising. © Britta Krondorf / Stadt Freising

Seitdem unterstützt unser Team die Stadt bei der Weiterentwicklung. Wir intensivierten etwa den Kontakt zur Deutschen Bahn, der nicht nur der Bahnhof, sondern auch weitere Grundstücke vor Ort gehören. Außerdem organisierten wir eine Fachexkursion nach Tübingen und Esslingen. Erste Datenauswertungen zeigen, wie die Menschen heute rund um den Freisinger Bahnhof unterwegs sind – und wie sie es künftig sein könnten. Es gibt sogar schon verschiedene Planskizzen für das Zukunftsquartier.

Jetzt sollte eine Fachwerkstatt klären, wie es weitergeht.

Peer to Peer: Auf Augenhöhe mit den Profis

Wir von der IBA-M hatten für die Fachwerkstatt sieben Praxisprofis eingeladen. Menschen, die anderswo schon Vorbildliches geplant und gebaut haben, wie es Freising jetzt vorhat. Ihre Themen: nachhaltige Stadtentwicklung, Landschaftsarchitektur und die Gestaltung von Bahnhofsumfeldern. Für einzelne Programmpunkte kamen auch die Deutsche Bahn, Freisinger Stadträtinnen und Stadträte sowie Investorinnen und Investoren hinzu.

Monika Schwind, die neue Oberbürgermeisterin von Freising, begrüßte die Teilnehmenden. © IBA-M

Die Fachwerkstatt sollte vor allem drei Fragen beantworten:

  • Was ist das Zukunftsweisende am Zukunftsquartier?
  • Wie kommen wir vom Konzept zur Umsetzung?
  • Was sind die nächsten Schritte?

Dabei ging es nicht um die Planung von Details, sondern um die großen Weichenstellungen. Um Entscheidungen, Strukturen und Prozesse, die Freising jetzt braucht.

Es waren drei intensive Workshop-Tage: Vorträge und Arbeitsrunden, Ortsbegehungen und Diskussionen, unterschiedliche Perspektiven und ehrliche Kritik. Doch stets voller Engagement und Wertschätzung für die Erfahrung, die alle einbrachten. Dieser Austausch auf Augenhöhe ist der Kern der Peer-to-Peer-Beratung. Heraus kamen nicht nur neue Erkenntnisse – sondern auch ein klarer Fahrplan Richtung Zukunft.

Praxis-Profis, Verwaltung und Politik diskutieren gemeinsam über die Planvarianten. © IBA-M

Wo Mensch, Natur und Mobilität zusammenkommen

Der Anspruch ist klar: Das Zukunftsquartier soll möglichst nachhaltig sein, also soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte in Einklang bringen. Aber was bedeutet das konkret? In der Fachwerkstatt wurden dafür verschiedene innovative Ansätze diskutiert, von rückbaubaren Parkhäusern bis zum Bauen mit lebenden Pflanzen. Drei Erkenntnisse unter vielen:

  • Multimodale Mobilitätsdrehscheibe: Freising hat nur halb so viele Einwohnerinnen und Einwohner wie Tübingen, aber ähnlich viele Umstiege am Bahnhof. Deshalb muss die Mobilität im neuen Stadtviertel besonders gut durchdacht sein. Nicht nur mit Bus und Bahn, sondern auch zu Fuß, mit Fahrrad oder Sharing-Auto.
  • Soziales Herz: Standardmäßig werden Bahnhöfe als reine Verkehrsknotenpunkte geplant. Dieser Bahnhof will mehr: Reisende willkommen heißen, Einheimischen Versorgungsmöglichkeiten bieten oder sie ins Café einladen. Hier schlägt das soziale Herz des neuen Quartiers.
  • Isar als Lebensader: Das Zukunftsquartier öffnet sich zum Fluss. Diese blau-grüne Infrastruktur bietet den Menschen natürliche Kühlung und Erholung in der Natur, bewahrt aber auch Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Denn die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt sind eng miteinander verknüpft. Im One-Health-Ansatz werden sie zusammen betrachtet, um optimale Bedingungen für ein gesundes Leben zu schaffen.

Diese Innovationsmomente – verkehrstechnisch, sozial und ökologisch – sollen auch in einer neuartigen Gestaltung von Gebäuden und Plätzen sichtbar werden.

Ein Mann mit schwarzen Haaren und Bart gestikuliert über einem Stadtplan mit Gebäudemodellen. Ein Mann rechts von ihm mit Brille hört zu.
Projektleiter Jonas Bellingrodt im Gespräch mit Stadtrat Dr. Jens Barschdorf. © IBA-M

Und die praktische Umsetzung? Dazu konnte Katrin Korth aus erster Hand berichten. Als Projektleiterin hat sie den Tübinger Busbahnhof neu gestaltet – und dabei erfahren, dass Planung selten so glatt läuft wie gedacht. „Kreuzunglücklich“ musste sie sich davon verabschieden, von Anfang an zu wissen, wie am Ende alles aussehen würde. Vieles ergibt sich erst im laufenden Prozess.

Was ihr dabei geholfen hat, schneller in die Umsetzung zu kommen? Drei Dinge: Erstens vom Ende her planen – also erst für die wichtigsten Teilprojekte einen Zieltermin festlegen, dann rückwärts die Schritte dorthin. Zweitens der Verwaltung alle Zeitpuffer aus den Plänen streichen, die nur dazu dienen, Entscheidungen aufzuschieben. Und drittens: nicht jede Fläche von Anfang an verplanen, sondern bewusst „Zukunftsschutzgebiete“ lassen – Flächen, die offenbleiben für künftige Entwicklungen.

Freisings Fahrplan Richtung Zukunft

Ganz so weit ist das Zukunftsquartier Freising noch nicht. Doch es geht Schritt für Schritt weiter voran. Das steht als Nächstes an:

  • Vorbereitende Untersuchung abschließen. Dabei werden zum Beispiel städtebauliche Missstände, Eigentumsverhältnisse und Nutzungsstrukturen erfasst.
  • Kooperatives Testplanungsverfahren starten. Das bedeutet: mehrere Teams entwickeln parallel einen Masterplan und stimmen sich zwischen den Arbeitsschritten immer wieder mit der Stadt Freising, Fachleuten und der Öffentlichkeit ab. So entsteht ein gemeinsamer Plan für das Zukunftsquartier.
  • Schnelle Erfolge nutzen. Einzelne Orte im künftigen Quartier kann Freising schon früh im Prozess sichtbar aufwerten. Das schafft echten Mehrwert für die Menschen – und steigert dadurch das Vertrauen in den Gesamtprozess.

Mit diesem konkreten Fahrplan Richtung Zukunft endete die Fachwerkstatt. Was die Teilnehmenden besonders schätzten: den offenen Austausch zwischen Praxis, Verwaltung und Politik – auf Augenhöhe, mit ehrlichen Fragen und klaren Antworten. Dieser Dreiklang wird Freising auf dem Weg vom Konzept zur Umsetzung weiter tragen.

Die Teilnehmenden auf Exkursion am Isar-Ufer. © IBA-M

Auch für andere Kandidaten geht’s voran

Die Fachwerkstatt in Freising war ein Testlauf für uns: Wie gut funktioniert die Peer-to-Peer-Beratung? Wie kommen Praxis, Verwaltung und Politik in einen konstruktiven Austausch? Wie lässt sich der Weg vom Konzept zur Umsetzung im Werkstatt-Format organisieren? Die Erkenntnisse daraus fließen in die Arbeit mit unseren anderen Projektkandidaten ein.

Was uns dabei wichtig ist: Wir begleiten jedes Vorhaben individuell, passend zu seinem Entwicklungsstand. Für Autofrei – ich bin dabei etwa lassen wir ein Imagevideo produzieren. Das Lernviertel Freising – Bildung beWEGt hat kürzlich ebenfalls Peer-to-Peer-Beratung erhalten. Und mit dem Team von Wandlungsräume der Mobilität entwickeln wir einen „Werkzeugkasten“, um vernachlässigte Mini-Orte – Durchgänge, Grünstreifen, Parkplätze – aufzuwerten. So bekommen alle Kandidaten, was sie brauchen. Über ihre Erfolge berichten wir bald in unserem Blog. Bleibt dran!


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