Wie entwickelt man ein komplexes Bahnhofsareal zu einem belebten Stadtquartier? Um neue Perspektiven für das Zukunftsquartier Freising zu eröffnen, initiierte und organisierte die IBA-M eine Fachexkursion nach Tübingen und Esslingen. Die Reise lieferte wertvolle Impulse aus der Praxis und zeigte, wie integriert geplante Bahnhofsquartiere in der Realität aussehen können – gewissermaßen ein Blick in eine mögliche Zukunft des Freisinger Bahnhofsumfelds.

© Stadt Freising
In vielen Städten und Gemeinden sind Bahnhöfe zentrale Orte. Werden sie klug und vorausschauend geplant, bieten sie enormes Transformationspotenzial: Aus bloßen Mobilitätsknotenpunkten können attraktive und lebendige Quartiere entstehen – mit öffentlichen Begegnungsorten, Grünflächen und Angeboten des täglichen Bedarfs, die zugleich hervorragend angebunden sind und multimodale Mobilität erlebbar machen. Tübingen und Esslingen stehen beispielhaft für Kommunen, die das Potenzial ihrer Bahnhöfe erkannt und ihre Bahnhofsareale zu innerstädtischen Zentren weiterentwickelt haben. Auch unser IBA-M-Projektkandidat „Zukunftsquartier Freising“ möchte dieses Entwicklungspotenzial heben: Rund um den Freisinger Bahnhof soll ein neues Stadtviertel entstehen, das kooperativ geplant wird und Mobilität, Quartiersentwicklung und Landschaft gemeinsam denkt.
„Miteinand“ lernen im Peer-to-Peer-Format der IBA-M
Die IBA-M versteht sich als Plattform für das gemeinsame und fachübergreifende Erarbeiten zukunftsweisender Mobilitätslösungen. Ein zentraler Bestandteil dieses Ansatzes ist der Austausch zwischen Kommunen, Fachdisziplinen und Praxisakteuren, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Ganz im Sinne des „Miteinands“ initiierte die IBA-M deshalb gemeinsam mit der Stadt Freising eine Fachexkursion nach Tübingen und Esslingen. Fachlich und organisatorisch begleitet wurde die Exkursion vom Büro bgh. Gauly & Volgmann GbR sowie Dr. Katrin Korth, Projektleiterin Europaplatz Tübingen.
„Wir müssen das Rad nicht jedes Mal neu erfinden. Viele der Herausforderungen, vor denen Städte heute stehen, ähneln sich. Genau deshalb sollten wir viel mehr voneinander lernen und Erfahrungen aktiv teilen. Die IBA-M versteht sich als Treiber eines aktiven Wissenstransfers. Es gibt bereits so viele gute Lösungen – wir müssen sie sichtbarer machen und gemeinsam weiterdenken. Genau so können wir an vorhandene Ansätze anknüpfen, sie kontextbezogen weiterentwickeln und daraus neue, innovative Lösungen für unsere Projektkandidaten entwickeln.“ ~ Prof. Dr. Oliver Weigel, Geschäftsführer der IBA-M
Die Exkursion machte nicht nur bereits umgesetzte Transformationsprojekte erlebbar, sondern eröffnete auch einen konkreten Blick auf mögliche Zukunftsperspektiven für das Freisinger Bahnhofsumfeld. Solche Peer-to-Peer-Formate sind ein zentraler Bestandteil der Qualifizierung von IBA-M-Projektkandidaten auf dem Weg zu qualitätsvollen und zukunftsweisenden IBA-M-Projekten. Lösungen sollen dabei nicht isoliert entstehen, sondern im Dialog zwischen Städten, Fachdisziplinen und Praxisakteuren gemeinsam weiterentwickelt werden.


Direkt am Geschehen: Beispiele aus Tübingen
Der Europaplatz am Hauptbahnhof Tübingen ist mit täglich rund 40.000 Passantinnen und Passanten der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Universitätsstadt. Mit dem Umbau wurde der in die Jahre gekommene Zentrale Omnibusbahnhof neu organisiert, Wege verkürzt und bestehende Flächen und Gebäude aufgewertet. Gleichzeitig wurden neue begrünte Parkflächen integriert und mit dem angrenzenden Stadtpark und -see verbunden. Mobilität, Freiraum und Aufenthaltsqualität greifen heute selbstverständlich ineinander und prägen den Ort weit über seine Verkehrsfunktion hinaus.
Mit dem neuen Europaplatz hat Tübingen einen lebendigen Ort geschaffen, an dem Mobilität und Begegnung zusammenfinden. Der Hauptbahnhof und sein Umfeld sind heute nicht nur der zentrale Verkehrsknotenpunkt Tübingens, sondern ein öffentlicher Raum zum Verweilen und Wohlfühlen.“ ~ Dr. Katrin Korth, Projektleiterin Europaplatz Tübingen
Das Quartier „Alter Güterbahnhof“ südlich der Bahnlinie hat sich von einer brachliegenden Fläche zu einem lebendigen Stadtviertel entwickelt. Wo früher alte Gleisanlagen und Ruinen lagen, gibt es heute moderne Wohnungen mit gemeinschaftlichen Innenhöfen. Wohnen, Arbeiten und soziale Angebote sind eng miteinander verknüpft und sorgen für viel Leben im Alltag. Begrünte Freiräume, Solardächer und vielfältige Gebäude geben dem Quartier ein eigenes Gesicht.


„Neue Weststadt“ und Neckaruferpark in Esslingen
Die Neue Weststadt in Esslingen verwandelt ein ehemaliges Industriegebiet in ein modernes, vernetztes Stadtquartier. Besonders prägend ist das zukunftsorientierte Energiekonzept mit Wasserstofftechnologie, das dem Gebiet Modellcharakter gibt. Die Bebauung ist in mehrere eigenständige Baufelder gegliedert, die von unterschiedlichen Teams gestaltet wurden. Mit dem künftigen Hochschulstandort kommt zusätzlich junges Leben ins Quartier.
Der Neckaruferpark ergänzt die Neue Weststadt um einen langen, schmalen Grünraum zwischen den Gleisanlagen und dem Neckar. Auf der ehemaligen Bahnfläche entsteht seit 2023 ein durchgehender Park mit neuen Aufenthaltsorten und Spielbereichen. Klare Wege für Fuß- und Radverkehr schaffen eine direkte Verbindung entlang des Neckars und machen das Ufer erstmals durchgängig nutzbar. Ein Stadtbalkon öffnet den Blick aufs Wasser und schafft einen Übergang zur Innenstadt.
Parallelen zum Zukunftsquartier Freising
Besonders interessant für das Zukunftsquartier Freising ist der Tübinger Europaplatz, denn die Ausgangslage ist in beiden Städten sehr ähnlich: Die Innenstadt und angrenzende Viertel sind durch die Bahngleise zerschnitten. Beide Bahnhöfe grenzen an Grün- und Erholungsflächen. An beiden Orten treffen eine Vielzahl von Nutzungsansprüchen bei gleichzeitig sehr komplexen Eigentumsverhältnissen auf engstem Raum aufeinander. Der Europaplatz zeigt exemplarisch, wie durch eine integrierte Planung und hohe gestalterische Qualität ein Ort entstehen kann, der Mobilitätsdrehscheibe, Stadtraum und Identifikationspunkt zugleich ist.
Zentrale Erkenntnisse für die Stadt Freising
Die Exkursion übersetzte zentrale Fragestellungen aus Freising in konkrete räumliche Situationen in Tübingen und Esslingen. Für das Zukunftsquartier Freising lieferten die Eindrücke wichtige Denkanstöße für die Weiterentwicklung des eigenen Bahnhofsumfelds – etwa zur Neuordnung von Verkehren, zur Verknüpfung von Mobilität, Stadt- und Landschaftsraum sowie zum Umgang mit konkurrierenden Nutzungsansprüchen.
Darüber hinaus wurde deutlich, wie entscheidend ein klares Zielbild und verlässliche Rahmenbedingungen sind, um flexible Anpassungen im Prozess zu ermöglichen. Gleichzeitig braucht es eine Herangehensweise, bei der Freiraum, Mobilität und Stadtstruktur von Beginn an zusammengedacht werden. Diese Prinzipien bilden auch für das Zukunftsquartier Freising im IBA‑M‑Prozess eine zentrale Grundlage. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen richtet sich der Blick nun auf die nächsten Schritte im IBA-M-Prozess – mit dem Ziel, die gemeinsamen Leitbilder schrittweise in konkrete räumliche Lösungen für das Zukunftsquartier Freising zu übersetzen.
„Das zugrundliegende Erfolgsrezept der verantwortlichen Kolleginnen und Kollegen in Tübingen: Offenheit zulassen, aber klare Rahmenbedingungen setzen, um Komplexität zu steuern und handlungsfähig zu bleiben.“ ~ Jonas Bellingrodt, Projektleiter Zukunftsquartier Freising
Weitere Fotos aus Tübingen und Esslingen:



















