
Eine Fahrradstadt, die auch Autofahrende glücklich macht? Gent hat es geschafft. Wie, erzählten uns die Fachleute aus Belgien bei einem Delegationsbesuch in München. Von ihren Erfahrungen profitierten auch zwei IBA-M-Projektkandidaten.
Als Christoph Pyliser, Masterprojektleiter für Stadtprojekte in Gent, seinen Plan für eine autofreie Innenstadt vorstellte, begann es zu brodeln. Kritikerinnen und Kritiker prophezeiten das totale Chaos. Der Verkehr würde kollabieren, Gäste fernbleiben, die Läden im Zentrum allesamt sterben. Die Verantwortlichen erhielten sogar Morddrohungen. Doch schon zwei Tage nach der Umsetzung fand Christoph Pyliser eine andere, freudigere Mail in seinem Postfach: „Ich komme jetzt auch mit dem Auto viel schneller ans Ziel!“
Das war 2017. Heute gilt die belgische Großstadt Gent als Vorbild zukunftsweisender Stadtentwicklung. Wie wurde der Wandel zum Erfolg? Welche Erkenntnisse lassen sich auf andere Städte übertragen? Und wie können IBA-M-Projektkandidaten von solch internationaler Expertise profitieren? Darum ging es beim Delegationsbesuch von rund zwanzig belgischen Architekten, Stadtplanerinnen und Landschaftsarchitekten, die im Münchner Haus der Architektur mit der IBA-M und zwei ihrer Projektkandidaten zusammenkamen. Neben Vortrag und Diskussion wollten wir dabei auch ein neues Format testen: kollegiale Fachberatung kompakt.

Gent: erbitterter Widerstand, erfolgreicher Wandel
Lange litt Gent unter denselben Verkehrsproblemen wie viele Großstädte: Autos, Busse und Trams stauten sich auf den schmalen Straßen. Flächenkonflikte, Luftverschmutzung und Lärm machten die Innenstadt zunehmend unattraktiv. Dabei fuhren vier von zehn Autos nur durchs Zentrum hindurch, um ein Ziel außerhalb zu erreichen. So entstand die Idee für einen neuen Verkehrsplan: eine autofreie Innenstadt, mit Fokus auf Fahrrad, Fußverkehr und Öffentliche, umgeben von einer Ringstraße, über die Autos trotzdem zügig ans Ziel kommen.
Der Widerstand war heftig – trotzdem setzte Gent den Plan um. Ein wichtiger Schlüssel: Kommunikation. Zwei Verwaltungsmitarbeitende waren allein dafür zuständig, Gewerbetreibende individuell zu beraten. Um für alle Verkehrsteilnehmenden sichtbar zu machen, wo sich etwas verändert, setzte die Stadt auf temporäre Interventionen. Farbige Bodenmarkierungen zeigten an, wo neue Bereiche begannen oder wo besondere Aufmerksamkeit gefragt war. Freigewordene Flächen wurden mit einem modularen Baukastensystem aus Bänken, Bäumen, Fahrradständern und Flaggenmasten neu belebt.

Das Ergebnis: 17 Prozent weniger Autos in den Stoßzeiten, 25 Prozent weniger Unfälle. Dafür 35 Prozent mehr Radverkehr sowie eine bessere Luftqualität. Heute empfinden die meisten Genterinnen und Genter den Wandel als Mehrwert. Bester Beleg: Die politischen Verantwortlichen wurden komfortabel wiedergewählt.
Was es für eine solche Erfolgsgeschichte braucht? Christoph Pyliser nennt vor allem vier Punkte:
- Mutige Politikerinnen und Politiker – über Parteigrenzen und Legislaturperioden hinweg
- Kommunikation und Ko-Kreation, etwa mit einem repräsentativ besetzten Bürgerkabinett
- Durchhaltevermögen für mindestens drei Monate – denn dann beginnt die Bevölkerung umzudenken
- Datenerfassung und Wirkungsmessung
Wenn andere Städte ihn fragen, wie sie den Wandel angehen sollen, fragt Christoph Pyliser zurück: Wo steht ihr? Was wollt ihr werden? Findet die Lösung, die zu euch passt.
Zwei Kandidaten, drei Fragen und zwanzig belgische Profis
„Findet die Lösung, die zu euch passt“ – das könnte auch der Leitsatz unseres neuen Formats sein, einer kompakten kollegialen Fachberatung. Das Prinzip: Gleichgestellte beraten einander zu Fragen aus dem Arbeitsalltag, eigenständig und auf Augenhöhe. Zwei unserer Projektkandidaten hatten wir dazu eingeladen, Maria Fröhlich und Marco Kellhammer von A dritts Platzl sowie Anka Förster vom Münchner Referat für Stadtplanung und Bauordnung, die die Wandlungsräume der Mobilität mit vorantreibt. Nach einer kurzen Vorstellung ging es los: zwei Gruppen, je zehn Fachleute aus Belgien und drei konkrete Herausforderungen unserer Kandidaten, die es zu diskutieren galt.

Das Team von A dritts Platzl möchte Bushaltestellen im ländlichen Raum in lebendige Treffpunkte verwandeln, die Begegnung fördern und lokale Identität stärken. Aktuell bereitet ihnen vor allem die Finanzierung Sorgen. Die konnten ihnen die belgischen Expertinnen und Experten zwar nicht nehmen, sie aber ein wenig lindern. Einige berichteten von ähnlichen Initiativen in ihrer Nachbarschaft. Dort ließ sich vieles ehrenamtlich lösen, etwa indem lokale Vereine zu einem „Arbeitssonntag“ einluden, bei dem Handwerkerinnen, Anwohner und Engagierte gemeinsam anpackten.

Anka Förster von Wandlungsräume der Mobilität legte als Erstes einen großen Stapel Papier auf den Tisch. Die (noch unveröffentlichte) Toolbox soll Verwaltungsmitarbeitenden helfen, vernachlässigte Alltagsorte zusammen mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern neu zu gestalten. Doch wie kann eine Kommune Engagierten auf Augenhöhe begegnen? Vor allem in Zeiten klammer Kassen? Die Kolleginnen und Kollegen aus Belgien empfahlen, sich weniger als Macherin denn als Möglichmacherin zu positionieren. Mit einer zentralen Ansprechperson, die Anfragen Einzelner bündelt, sie mit den notwendigen Informationen versorgt – und so bürgerschaftliches Engagement beflügelt.
Nächster Halt: Gent?
Ganz ehrlich: Wir waren selbst überrascht, wie gut die kollegiale Fachberatung auch im kleinen Format funktioniert. Delegationsreisende und Projektkandidaten starteten rasch in die inhaltliche Diskussion. „Die Sichtweisen der belgischen Kommunen und Regierungsmitarbeitenden, aber auch aus Wirtschaft und Planung, waren total wertvoll für A dritts Platzl und Wandlungsräume“, sagt Leoni Vollmann, die die internationalen Aktivitäten der IBA-M koordiniert. „Auf beiden Seiten waren großes Engagement und Interesse am Austausch da.“
So wird das „I“ der Internationalen Bauausstellung zum Mehrwert für die Metropolregion. Denn Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern zu kennen ist das eine. Doch sich mit den Menschen dahinter auszutauschen kann tieferes Wissen liefern, Mut machen und das Durchhaltevermögen stärken. Indem diese Menschen ihre Erfahrungen weitergeben und bei konkreten Fragen beraten, bringen sie auch unsere Projektkandidaten weiter.
Aber natürlich ist Austausch keine Einbahnstraße. Die Fachleute aus Belgien fanden die IBA-M und ihre Projektkandidaten ebenfalls spannend und betonten, dass sie bald wieder in die Region kommen möchten, nicht erst zur Abschlussausstellung 2034. Anknüpfungspunkte gibt es genug – ob beim internationalen Programm des IBA-M-Forums, bei einem vertieften Austausch mit den Projektkandidaten oder sogar einem Gegenbesuch in Belgien. Dann können wir auch gleich den Genter Verkehr testen. Per Auto, Fahrrad oder Wasser-Tram.