
Wie lässt sich eine alte Brücke über die Isar zu neuem Leben erwecken? Oder: Wie gestalten wir öffentlichen Raum am Wasser? Für unser neues Diskussionsformat „Aufgetischt“ brachten wir Verwaltung, Fachleute und Zivilgesellschaft an Bord eines Dampfschiffs zusammen – und die Ideen zum Fließen.
von Hannah Paxian
veröffentlicht am 27. Oktober 2026
Lesedauer: 3-5 Minuten
Der Ort ist eigentlich unmöglich: ein Dampfer auf einer Brücke mitten in der Stadt? 2016 war es, als am Ammersee ein alter Ausflugsdampfer verschrottet werden sollte. Doch dann kamen ein paar junge Leute auf eine verrückte Idee: Sie brachten das Schiff ins 50 Kilometer entfernte München, hoben es auf eine stillgelegte Eisenbahnbrücke und eröffnen es als „Alte Utting“ neu, mit Bar, Live-Musik und außergewöhnlicher Atmosphäre. Nur anderthalb Jahre brauchten sie dafür.


In einer Stadt, in der das gelingt, sollte alles möglich sein, könnte man meinen. Auch, was IBA-M-Projektkandidat „Isarglück“ plant: das stillgelegte Gleis einer Eisenbahnbrücke als Fußweg über die Isar und Aufenthaltsort am Wasser neu zu beleben. Doch obwohl die Idee überall Anklang findet, hakt es bei der Umsetzung. Dabei kommen Fragen auf, die weit über das Projekt hinausweisen: Wie können Kommunen und ehrenamtliche Initiativen besser zusammenarbeiten? Was macht gute Brücken und Wege am Wasser aus? Wie werden Städte fit für den Klimawandel? Bei „Aufgetischt: Öffentlicher Raum am Wasser“ suchten wir nach Antworten.
Dampfer, Brücke, Fluss
Unsere neue Diskussionsreihe „Aufgetischt“ bringt Politik, Verwaltung, Fachleute, Initiativen und Zivilgesellschaft an einen Tisch. Das Ziel: ein konstruktiver Austausch über die Gestaltung öffentlicher Räume. Beim Auftakt in der Alten Utting am 9. Oktober standen Brücken und Wege am Wasser im Fokus.
Konkreter Ausgangspunkt für die Diskussion: Die Braunauer Eisenbahnbrücke im Süden von München, zwischen Giesing und Sendling. Schon lange wird dort eine Fuß- und Radverbindung über die Isar gefordert. Der Verein Isarlust e.V. und die Agentur Zeichen & Wunder wollen ein stillgelegte Gleis der Brücke für den Fußverkehr öffnen und als Aufenthaltsort neu beleben. Darum geht es bei Isarglück.

So könnte die Braunauer Eisenbahnbrücke in Zukunft aussehen. © Zeichen & Wunder
Um die vielfältigen Perspektiven auf das Vorhaben in einen fruchtbaren Austausch zu bringen, richteten wir in der Alten Utting vier Thementische ein:
- Infrastruktur & Transformation: Wie wird aus einer Idee Ehrenamtlicher ein städtisches Projekt – und aus dem Plan Realität?
- Klima & Resilienz: Wie tragen Gewässer dazu bei, unsere Städte auf Hitzewellen und Starkregen vorzubereiten?
- Mobilität & Aufenthalt: Kann die Brücke als Fußweg, Radweg und Aufenthaltsort funktionieren – oder braucht es einen Fokus?
- Umsetzung von Isarglück: Wer tritt als Projektverantwortlicher auf, woher kommt das Geld und wie kann das Projekt frühzeitig sichtbar werden, um die Menschen vor Ort dafür zu begeistern?
Jede Tischrunde begann mit einem kurzen Impulsvortrag. Dann starteten wir in die Diskussion.
Im Flow
Kurs: Zukunft
Das Konzept, vielfältige Perspektiven in einen konstruktiven Dialog zu bringen, ging auf. Der eine kennt in Sendling jeden Fußpfad, die andere will bei Events unterstützen und wieder ein anderer kann berichten, wie ein ähnliches Projekt zum Erfolg wurde. Die Erkenntnisse der vier Thementische:
- Infrastruktur & Transformation: René Zieprich aus Leipzig stellte das Projekt Parkbogen Ost vor. Initiiert von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, entstand auf einem stillgelegten S-Bahn-Bogen ein grünes Band mit Rad- und Fußwegen, Aufenthaltsbereichen und Biotopen. Er konnte unmittelbar davon berichten, welche Faktoren zum Erfolg führten: gesellschaftlicher Rückhalt dank frühzeitiger Beteiligung und verständlicher Kommunikation, politische Unterstützung, Fördermittel – und ein bisschen Glück.
- Klima & Resilienz am Wasser: Flüsse und Seen helfen, unsere Städte fit für den Klimawandel zu machen. Sie kühlen bei Hitze, fangen Starkregen auf und bieten Menschen Erholung. Isarglück könnte rund 200.000 Anwohnerinnen und Anwohnern einen direkten Zugang zur Natur ermöglichen. Doch es gibt auch Nutzungskonflikte – etwa zwischen Hochwasserschutz, Naherholung und dem Ruhebedürfnis der Tiere.
- Mobilität & Aufenthalt: Die Brücke sollte vor allem als Fußweg funktionieren und das Isarufer besser erreichbar machen. Kommen Radverkehr und Aufenthaltsmöglichkeiten hinzu, könnte es auf der schmalen Brücke eng werden. Dafür braucht es eine Lösung.
- Umsetzung von Isarglück: Das Projekt kann nur im Schulterschluss von Initiative, Stadt und Bahn gelingen. Vor allem vom Bezirk gab es ordentlich Rückenwind. Er könnte bei Events und Ausstellungen an den beiden Brückenenden unterstützen, um das Projekt bekannter zu machen. Das würde auch beim nächsten Schritt helfen: Crowdfunding.
Die großen Fragen der Gestaltung öffentlicher Räume anhand eines konkreten Projekts zu diskutieren – das funktioniert. Wir finden: Aufgetischt hat eine Fortsetzung verdient. Nächstes Jahr wollen wir die Diskussion über Zukunftsfragen direkt in den öffentlichen Raum verlegen, wo Stadtentwicklung unmittelbar erlebt wird. Denn wie die Alte Utting zeigt: Im öffentlichen Raum ist viel mehr möglich, als man denkt.




