Kurz mal die Stadt verändern? Die Lange Tafel der Baukultur in Augsburg

Eine Straße von oben, unter Bäumen steht eine lange Tafel, an der Menschen sitzen
Diskussion unter freiem Himmel in der Augsburger „Sommerstraße“. © Bernhard Seidl

Sommerstraße, Zwischennutzung, Kunstperformance: Können temporäre Projekte eine Stadt verändern? Und wenn ja, wie? Darüber diskutierten Stadtplanerinnen, Verwaltungsmitarbeiter und engagierte Bürgerinnen am 19. Juni in Augsburg – bei einem gemeinsamen Abendessen unter freiem Himmel.

Stellt euch vor, es ist Sommer, und eure Straße voller Leben. In der Abenddämmerung leuchtet eine Lichterkette durchs Blätterdach. Auf dem Gehsteig spielt leise ein Streicherduo, die Nachbar-WG hat es sich in bunten Liegestühlen bequem gemacht. Kinder laufen quer über die Straße zum Spielplatz, und vom Essensstand weht der Duft von frischem Fladenbrot, Sommerkräutern und gegrillten Tomaten herüber. Eine lange Tafel steht schon bereit.

So eröffnete am 19. Juni die Sommerstraße im Klima-Modellquartier Rechts der Wertach in Augsburg. Sommerstraße, das bedeutet: einen Monat lang weder Verkehr noch parkende Autos, dafür Raum für Gemeinschaft, Erholung und Spiel direkt vor der Haustür. Aber können solche zeitlich begrenzten Interventionen eine Stadt wirklich verändern? Und wenn ja, wie? Darum ging es bei der „Langen Tafel der Baukultur“.

Motto: Einfach machen!

Die „Langen Tafeln der Baukultur“ entstanden aus einer Initiative der Bundesstiftung Baukultur. Am 19. Juni fanden sie an zahlreichen Orten in ganz Deutschland statt. In Augsburg trafen sich Stadtplanerinnen, Verwaltungsmitarbeiter und engagierte Bürgerinnen in der Sommerstraße zum Abendessen. Und diskutierten, welche Chancen und Herausforderungen temporäre Projekte im öffentlichen Raum bieten.

Den Auftakt machten drei Impulsvorträge, anschließend startete die Diskussion. Die Perspektiven an den Tischen waren bunt gemischt. Der Vertreter eines Augsburger Vereins etwa erzählte von den Nachbarschaftsparlamenten in Indien. Dort kommen Menschen regelmäßig zusammen, um Probleme vor Ort gemeinsam zu lösen. Er wünscht sich vor allem eine klare Ansprechperson bei der Stadt, die Initiativen auf Augenhöhe begegnet und ihnen hilft, bürokratische Hürden zu überwinden. Denn die guten Ideen, die gibt es längst.

Ein gelber Biertisch, darauf: ein Tischset mit der Aufschrift "Wie aus Zwischennutzung Zukunft wird", ein Aufsteller "Strukturen aufbrechen - mehr Mut zum Neuen", Besteck und Gläser.
Alles bereit für Abendessen und gute Gespräche. © IBA-M

Gemeinsam Zukunft proben

Temporäre Projekte bieten Menschen die Möglichkeit, einfach mal auszuprobieren, wie sich Veränderungen anfühlen. Als etwa die Münchner Theresienwiese im Sommer 2020 stillstand, startete die Initiative „Point Of No Return“ dort ihre „Urban Chair Machine“. Wer vorbeikam, konnte sich vor Ort einen Sonnenstuhl bauen, verweilen, reden, die Sonne genießen – und den Sitzplatz danach für andere freigeben.

Eine lange gelbe Tafel, rechts und links sitzen Menschen, auf der Tafel Snacks, Gläser, Kärtchen
Verwaltung, Initiativen und die, die zwischen ihnen vermitteln: alle Perspektiven an einem Tisch. © IBA-M

Um kleine, aber wirksame Veränderungen geht es auch beim IBA-M-Projektkandidaten „Wandlungsräume“. Denn ob dunkle Durchgänge, schmale Grünstreifen oder ungenutzte Parkplätze: Diese Mini-Orte könnten so viel sicherer, schöner und einladender werden! Die Landeshauptstadt München entwickelt dafür einen Werkzeugkasten, den sie in einem Stadtviertel praktisch anwenden und dann mit weiteren Kommunen teilen will. Denn von optimierten „Wandlungsräumen“ profitieren nicht nur Anwohnerinnen und Anwohner, sondern auch alle anderen, die die Schönheit der kleinen Dinge zu schätzen wissen.

Deshalb fördern wir auch den Austausch mit ähnlichen Initiativen. Etwa der IBA-M-Projektidee „Stadt statt Straße“. Sie soll es den Menschen leichter machen, eine Straße für einen begrenzten Zeitraum neu und anders zu gestalten. Dafür möchte Augsburg eine zentrale Anlaufstelle bei der Stadt einrichten und einen praktischen Leitfaden entwickeln. Wichtig dabei: Solche Projekte sollen den Anwohnerinnen und Anwohnern nicht von oben auferlegt werden. Der Impuls muss aus der Nachbarschaft kommen.

Von der Sperrung zur Schnellspur

Doch was, wenn der Impuls einfach verpufft? Langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren bremsen bauliche Veränderungen aus. Bei den Bürgerinnen und Bürgern kann so der Eindruck entstehen, die Stadtverwaltung sei nicht willens oder in der Lage, ihre Aufgaben zu bewältigen. Kleine, kurzfristige Interventionen lassen sich schneller umsetzen und schaffen sichtbare Erfolge. So kann die Stadt zeigen: Wir nehmen euch ernst, wir schaffen das!

Daraus spannen Verwaltungsmitarbeitende aus Augsburg und München gleich noch eine weitere Idee. Schließlich werden Straßen regelmäßig für Bauarbeiten gesperrt. Könnte man die Leute vor Ort nicht vorher fragen, wie sie diese Zeit nutzen wollen? Vielleicht sogar als Chance, um Neues auszuprobieren? So würde aus der Sperrung eine Schnellspur in die Stadt von morgen.

Vielleicht können Kinder in dieser Stadt wieder auf der Straße spielen. Vielleicht macht Mobilität dort Spaß, vielleicht ist jeder Grünstreifen ein kleines Gartenkunstwerk. Oder alles zusammen. Welche Zukünfte möglich sind, wird durch zeitlich begrenzte Projekte sichtbar und erlebbar. Was nicht funktioniert, endet automatisch. Was guttut, darf bleiben. Im Augsburger Modellquartier haben sie die Erfahrung gemacht: „Manch einer meckert erst mal, geht nach Hause – und kommt morgen wieder.“

Feierabend! Die Freiwilligen vom Café Tür an Tür lassen den Abend im Liegestuhl ausklingen. © IBA-M

Die Langen Tafeln der Baukultur wurden initiiert von der Bundesstiftung Baukultur. In Augsburg luden ein: der Treffpunkt Architektur Schwaben der Bayerischen Architektenkammer, das Quartiersmanagement Rechts der Wertach im Auftrag der Stadt Augsburg, Stadtplanungsamt; die Landeshauptstadt München, Mobilitätsreferat und Referat für Stadtplanung und Bauordnung, sowie die IBA-M.


Beitrag veröffentlicht am

in

,