
Vier Schulen, 4.500 Schülerinnen und Schüler und eine Straße, die trennt, statt zu verbinden. Wie wird aus der Verkehrsachse ein gemeinsamer Lebensraum? Das ist die Frage, vor der das Lernviertel Freising aktuell steht. Um sie zu beantworten, kamen Stadt, Landkreis und Praxis-Profis in einem Workshop zusammen – und erkundeten ungewöhnliche Lösungswege.
Man spürt es schon beim Ankommen: Das Lernviertel Freising ist in Bewegung. Während manche Schulgebäude sichtbar in die Jahre gekommen sind, strahlt einem das Camerloher-Gymnasium mit modernem Gesicht entgegen. Nebenan wächst das neue Staatliche Berufliche Schulzentrum heran – Herzstück eines Vorhabens, das weit über einen Schulneubau hinausreicht.
Das Lernviertel Freising – Bildung beWEGt
Vier Schulen liegen hier an der Wippenhauser Straße nebeneinander, ohne wirklich zusammenzugehören: Camerloher-Gymnasium, Wirtschaftsschule, Fach- und Berufsoberschule sowie Berufsschule. Künftig sollen sie das Lernviertel Freising bilden, zusammengehalten von einer durchgehenden grünen Achse. Rund 4.500 Schülerinnen und Schüler und etwa 350 Lehrkräfte sind hier täglich unterwegs, das Einzugsgebiet der Schulen reicht bis zu 100 Kilometer weit.
Doch die Wippenhauser Straße teilt den Campus in zwei Hälften. Wenn die Schule beginnt oder endet, rollt dort binnen einer halben Stunde die gesamte Busflotte des Einzugsgebiets durch. Es ist laut, hektisch, unübersichtlich. Eine Belastung nicht nur für alle, die hier zur Schule gehen, sondern auch für die Anwohnerinnen und Anwohner. Sie wünschen sich mehr Sicherheit auf der Straße.
Wie ein Ort aussehen kann, der verbindet, statt zu trennen, hat das Lernviertel Freising am 28. Juli in einem Kreativworkshop erkundet. Rund zwanzig Personen kamen dafür im Aulagebäude des Camerloher-Gymnasiums zusammen: das Landratsamt Freising, das die Projektentwicklung verantwortet, die Große Kreisstadt Freising, drei externe Fachleute, vier Schülerinnen und Schüler aus dem Lernviertel – und die Internationale Bauausstellung Metropolregion München (IBA-M), die den Workshop organisiert hatte.


Die Aufgabe: Von der Verkehrsachse zum Lebensraum
Zwei Akteure setzen den Rahmen: Die Stadt Freising verantwortet den Bebauungsplan und damit den öffentlichen Raum und die Verkehrsanbindung. Das Landratsamt Freising ist für die bauliche Entwicklung des Schulgeländes zuständig. Beide denken das Lernviertel über die Schulgrenzen hinaus, wollen die strikte Trennung zwischen schulischem und öffentlichem Raum aufheben. So soll ein attraktiver Lebensraum entstehen, der auch Nachbarschaft, Wohnen und den Wippenhauser Graben mit seinem alten Baumbestand integriert.
Hier setzte die Leitfrage des Workshops an: Wie kann das Lernviertel so gestaltet werden, dass es nachhaltige Mobilität fördert, ein gutes Miteinander ermöglicht und den Straßenraum als lebendigen Teil des Lern- und Lebensumfelds integriert? Dafür brachte die IBA-M alle Beteiligten an einen Tisch – zusammen mit Expertinnen und Experten aus der Praxis.
Radikal anders denken: Drei Impulse
Stefan Bendiks von Artgineering, einem Büro für Stadtplanung und Infrastruktur in Belgien, eröffnete mit der Frage, wie man die Transformation von Verkehrsräumen strategisch angehen kann. Sein Blickwinkel: Das Fahrrad gibt die Geschwindigkeit vor. Die Eingangssituation prägt, wie ein Viertel „gelesen“ wird, sprich, wie sich die Leute darin verhalten. Und für das Lernviertel ist entscheidend, wie es in die Stadt Freising eingebettet ist.
Landschaftsarchitekt Lucas Hövelmann vom Münchner Büro OTTL.LA betrachtet den Raum als Bühne. Die Planung sollte einfache Lösungen einmal gut gestalten – danach entscheiden die Menschen selbst, wie sie diese „Bühne“ für sich nutzen. Sein Plädoyer für mehr Innovation: radikal anders denken, den Raum für Menschen entwerfen und erst dann die übrigen Faktoren einplanen. Und dabei bitte Kreativität und Spiel nicht vergessen.



Eine mutige Lösung stellten Jutta Bootz und Simon Grünebaum vom Amt für Stadtplanung und -entwicklung der Stadt Hennef vor. In einer vergleichbaren Ausgangslage – Schulcampus beidseits einer Straße – sperrten sie die Straße per Verkehrsversuch mit Schranken. Der Schulcampus war nun für Autos tabu; Fußverkehr, Busse und Fahrräder durften passieren. Das Experiment wurde zusammen mit Schülerinnen, Schülern und Nachbarschaft evaluiert und ist inzwischen zur Verstetigung empfohlen. Die Erkenntnis, die die beiden nach Freising mitbrachten: klar gestalten, klar kommunizieren und in der Nutzung konsequent bleiben. Wer die Schranken auch nur einmal öffnet, muss die Schließung neu erkämpfen.
Der Rundgang: Verständnis entsteht vor Ort
Zum Schlüsselmoment wurde die gemeinsame Ortsbegehung. Es war gerade Schulschluss, und auf der Wippenhauser Straße wimmelte es von Leben. Busse, die schnaufend an- und abfahren. Kinder und Jugendliche, kreuz und quer, zu Fuß und auf Fahrrädern. LKWs, die an Elfjährigen vorbeirauschten.
Stadt und Landkreis erläuterten den Planungsstand, die externen Fachleute fragten nach. Schülerinnen und Schüler brachten ihren Alltag ein. Alle diskutierten. Und während die Gruppe am Gehweg stand und über die Zukunft dieser Straße sprach, drängte sich eine Frage auf: Schon heute gilt hier Tempo 30. Weil viele Busse, Kinder und Fahrräder unterwegs sind, pendelt sich der Verkehr faktisch auf 10 bis 20 km/h ein. Warum trauen wir uns nicht, hier etwas Neues zu testen?


Drei Szenarien – drei Erkenntnisse für die Zukunft
Am Ende entwickelten die Teilnehmenden drei neue Szenarien für das Lernviertel. Gearbeitet wurde auf dem Masterplan, mit Transparentpapier und Postern, in atmosphärischen Skizzen, Querschnitten und Weiterzeichnungen im Plan. Interessant war die Bandbreite, die dabei entstand: von einem stark umgestalteten Straßenraum mit reduzierten Geschwindigkeiten und neu organisierten Buchten bis hin zu einem autofreien Szenario wie in Hennef.

Szenarienentwicklung in Kleingruppen für das Lernviertel Freising © IBA-M
Drei Dinge nehmen wir mit aus dem Tag. Erstens: Man versteht eine Situation erst dann, wenn man sie selbst erlebt. Wenn man auf der Straße steht und spürt, was sie trennt. Zweitens: Wie vorausschauend man denken muss, damit ein Projekt wirklich zukunftsfähig ist. Bauen braucht Zeit, Mobilitätsverhalten ändert sich schnell. Und drittens: Wie wichtig es ist, während laufender Planungen offen zu bleiben, auch kritische Stimmen zuzulassen.
Dass Stadt und Landratsamt sich offen für neue Impulse zeigten, ist keine Selbstverständlichkeit. Auch nicht, dass die Schülerinnen und Schüler so engagiert mitdiskutierten – und ernstgenommen wurden. Genau darin liegt die Idee der IBA-M: mehr Mut, mehr Miteinander. Für Mobilitätsräume, die verbinden, statt zu trennen.