
Wie kommen wir weg von Verkehrsstress, Stau und Luftverschmutzung? Hin zu gemeinwohlorientierter Mobilität, die sogar Spaß macht? Metropolregionen stehen weltweit vor ähnlichen Herausforderungen. Im Dialog zwischen IBA-M, deutschen und südafrikanischen Städten zeigt sich: Wer sie lösen will, braucht starke Allianzen.
Eine echte IBA war sie nicht, die Internationale Städtebau-Ausstellung in Düsseldorf 1910. Aber eine frühe Vorläuferin heutiger Bauausstellungen – und ein historischer Meilenstein. Nicht nur, weil sie den Fokus von reiner Architektur auf die komplexen Anforderungen moderner Stadtentwicklung lenkte. Sondern auch, weil sich Europa dabei erstmals von der neuen Welt inspirieren ließ, von Chicago mit seinen weitläufigen innerstädtischen Parks. Internationale Impulse für deutsche Städte fruchtbar zu machen, ist also ein historisches Erbe der IBA-M – und ein Auftrag für die Zukunft.
Über all das sprechen wir mit Philipp Schuck von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) während einer Kaffeepause. Wir sind im Münchner Haus der Architektur, umgeben von zwölf Delegierten aus deutschen und südafrikanischen Städten sowie ihren Dachverbänden, die miteinander fachsimpeln. Stoff dafür gibt es genug. Die Stadtentwickler, Verkehrsplaner und Infrastruktur-Manager reisen schon seit einigen Tagen gemeinsam durch Deutschland, um beim Thema nachhaltige Mobilität voneinander zu lernen. Heute auf dem Programm: Gastgeberin IBA-M und einer ihrer Projektkandidaten.


Peter Kammermeier (Landeshauptstadt München) und Leoni Vollmann (IBA-M) im Gespräch mit Philipp Schuck (GIZ) und Lutando Sithembele Maboza (Stadt Johannesburg) © IBA-M
Johannesburg: Mobilitätskultur im Wandel
Nach einer kurzen Vorstellung der IBA-M geht es los, zu Fuß sind es dreißig Minuten zu unserem Projektkandidaten. Schon das ein kleines Abenteuer, nicht nur, weil die teils kaum markierten Radwege in München von Touristen leicht übersehen werden. „Zuhause würde ich kaum so lange zu Fuß gehen“, erzählt uns Lutando Sithembele Maboza, der für die Verkehrsplanung von Johannesburg verantwortlich ist. „Dabei gehe ich in meiner Freizeit gerne wandern.“ Seine Stadt ist für Autos gebaut – doch die meisten Menschen dort können sich gar keines leisten. Sicherheitsrisiken und Hitze machen den Fuß- und Radverkehr zusätzlich unattraktiv.
Also nutzen die Menschen Minibusse. Ebenfalls ein Problem für den Verkehrsplaner: Es ist ein riesiges informelles System, ohne Haltestellen oder feste Abfahrtzeiten, dafür preiswert, schnell und vergleichsweise komfortabel. Versuche, es durch ein offizielles Bussystem zu ersetzen, scheiterten bislang. Daher wählte das Kapstädter Start-up „WhereIsMyTransport“ einen anderen Weg. In nur drei Wochen kartierte es alle informellen Minibus- und Taxi-Routen – circa 8.850 Kilometer – und machte sie online für Fahrgäste zugänglich. Inzwischen hat das Unternehmen in 50 Länder expandiert und liefert Daten für offizielle Mobilitäts-Apps in ganz Südafrika.
Eine weitere Alternative zum eigenen Auto: Fahrradfahren. Die Geschichte von Johannesburgs radelnder Arbeiterklasse ist heute fast vergessen. Doch in den letzten Jahren ließ Lutando Sithembele Maboza neue Radwege bauen und versuchte, die Leute mit sozialen Events fürs Fahrrad zu begeistern. Allein, die Mobilitätskultur ändert sich nur langsam – auch, weil das eigene Auto ein begehrtes Statussymbol ist. Könnte man verstärkt bei der jungen Generation ansetzen? Der IBA-M-Projektkandidat „Autofrei – ich bin dabei“ motiviert Kinder via App, den Schulweg eigenständig zu meistern, zu Fuß, per Roller oder Rad, in der Gruppe oder in Begleitung eines Elternteils. Das trägt langfristig zu einem gesunden, klimafreundlichen Mobilitätsverhalten bei. Vielleicht bald auch in Südafrika?

München: eine Brücke zwischen Dystopie und Zukunftsvision
Man merkt es schon am Lärm: Wir haben die Donnersbergerbrücke erreicht, eine der meistbefahrenen Innenstadtbrücken Europas. Sie soll bis in die 2040er Jahre vollständig erneuert werden, bei laufendem Betrieb auf und unter der Brücke. „Wenn man nicht weiter drüber nachdenkt, dann würde man die Brücke einfach ersetzen“, sagt Peter Kammermeier von der Landeshauptstadt München. „Aber damit vertut man eine ungeheure Chance, für das Bauwerk selbst und vor allem für das Umfeld.“ An Parkplätzen, Graffiti-Kunst und vorbeirauschenden SUVs entlang führt er uns nach oben.
Auf der Brücke angekommen, sind die Probleme offensichtlich. Autos haben vier Fahrspuren in beide Richtungen, plus Auffahrten – für sie funktioniert die Brücke gut. Doch wer nicht in einer Kapsel darüber hinweg flitzt, nimmt die Brücke anders wahr. Es ist laut, es stinkt, es ist hässlich. Bushaltestellen, Fahrräder und Fußverkehr kommen sich an den Rändern in die Quere. Die eine Brückenseite ist nicht barrierefrei; eine Frau mit drei kleinen Kindern und Kinderwagen steht ratlos vor der Treppe, bis wir ihr weiterhelfen. Dann folgt ein Durchgang, den man nicht anders als beklemmend nennen kann – „Angstraum“ nannte ihn Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer Anfang des Jahres in einem Zeitungsartikel.
Erst im Mercedes-Benz-Turm löst sich die Stimmung. Alle blicken zusammen auf die Brücke herab und sprechen über die Zukunftsvisionen der Brücke. Aus der reinen Verkehrsachse soll ein lebendiger Stadtraum werden, der für alle funktioniert und noch dazu schön ist – ein echtes Wahrzeichen für die Region. Wir sprechen über Mammutprojekte im Allgemeinen, über realistische und „politisch vermittelbare“ Kalkulationen, über Bürokratie und Korruption ebenso wie über die Kostenexplosion am Bau. Es ist ein starker, ehrlicher Dialog zwischen zwei Ländern. Getragen von der Überzeugung: Es braucht solche mutigen, visionären Projekte – fürs Klima, für mehr Lebensqualität, für die Menschen in Stadt und Region.
Eindrücke von der Exkursion zur Donnersbergerbrücke. © IBA-M
Und wie weiter? Dialoge für Mobilität im Wandel
Nach dem Wochenende treffen wir die Delegation in Köln wieder, beim Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik. Dort kommen wir noch einmal auf große Infrastrukturprojekte zu sprechen – und darauf, wie es nach der gemeinsamen Woche weitergehen soll. Vier Themen kristallisieren sich heraus, bei denen deutsche und südafrikanische Städte künftig voneinander lernen wollen:
- Reallabore und Modellprojekte
- Digitalisierung und Smart Cities
- Bewusstseinsbildung und Partizipation
- Austausch der Regionen und Städteverbände untereinander
Klar ist: Städte suchen überall auf der Welt nach Wegen in die Zukunft. Von smarter Verkehrsplanung über die Gestaltung öffentlicher Räume bis hin zum Wandel der Mobilitätskultur. Im direkten Austausch, wie hier zwischen Deutschland und Südafrika, können sie gemeinsame Herausforderungen erkennen, sich gegenseitig beraten und Lösungswege finden, die vor Ort auch wirklich funktionieren.
Dafür gibt es schon ein Format. Oder vielmehr: gab es. Denn die internationalen „Dialoge für Urbanen Wandel“ (D4UC), die Bundesbauministerium und GIZ im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik durchführten, endeten dieses Jahr. Der Deutsche Städtetag und SALGA, die Vereinigung südafrikanischer Lokalverwaltungen, wollten mit dieser Delegationsreise ihre erfolgreiche Zusammenarbeit fortsetzen. Doch langfristig fehlt es an Kapazitäten. Unser Geschäftsführer Oliver Weigel findet: „Ein deutsch-südafrikanisches Peer-to-Peer-Netzwerk für zukunftsweisende Mobilität? Klingt ganz nach einem Thema für die IBA-M.“
Das würde dem Erbe der Internationalen Städtebau-Ausstellung Düsseldorf nun wirklich Ehre machen.

PS: Allen, die mehr wissen wollen, empfehlen wir den Fachartikel des Deutschen Städtetags zur Delegationsreise.





