Warum Bahnhofsumfelder oft vernachlässigt sind – und wie sie besser werden

Leere Parkplätze, dunkle Unterführungen: Viele Bahnhofsvorplätze in der Metropolregion München laden nicht gerade zum Verweilen ein. Ein neues Netzwerk will das ändern – und hat bei der IBA-M-Netzwerkstatt in Fürstenfeldbruck schon die ersten Lösungsansätze entwickelt.

Wer in der Münchner Metropolregion mit der Bahn unterwegs ist, kennt die Probleme: Man trifft an einem beliebigen Bahnsteig ein. Der Fahrstuhl ist mal wieder kaputt – Barrierefreiheit? Fehlanzeige. Also steigt man in eine dunkle Unterführung hinab, läuft hastig zwischen Pfützen und mit Graffiti beschmierten Wänden hindurch. Wieder am Tageslicht, steht man vor einem riesigen, leeren Parkplatz. Der Wind weht ein Häufchen Müll darüber hinweg. Wie geht’s jetzt weiter?

Diese Frage stellen sich nicht nur Fahrgäste, sondern auch die Verantwortlichen selbst. Im Ranking europäischer Großbahnhöfe landete München auf Platz 50 von 60. Und auch kleinere Bahnhöfe haben zu kämpfen. Christian Götz, Oberbürgermeister von Fürstenfeldbruck, nannte seinen „eine x-beliebige Mobilitätsdrehscheibe mit Müllproblem”.

Wie also können Bahnhofsumfelder besser werden? Um darauf eine Antwort zu finden, startete die Internationale Bauausstellung Metropolregion München (IBA-M) gemeinsam mit den Kommunen Augsburg, Dachau, Freising, Fürstenfeldbruck, Kaufbeuren und München sowie der Deutschen Bahn ein neues Netzwerk. Ihr Ziel: Die vernachlässigten Verkehrsknotenpunkte in attraktive Stadtviertel verwandeln. Die feierliche Gründung fand im Rahmen der IBA-M-Netzwerkstatt Bahnhofsquartiere am 21. und 22. September in Fürstenfeldbruck statt. Dort erarbeiteten rund 100 Fachleute erste Lösungsansätze.

Erst wird die Gründung des Netzwerks gefeiert – dann gemeinsam an den Bahnhofsumfeldern in der Region gearbeitet. © IBA-M / forStory

Bahnhof verstehen: Woran hakt es?

Allen ist klar: Es muss sich etwas ändern. Doch je nach Bahnhofsumfeld stellt sich die Aufgabe unterschiedlich. Stefan Bosse, seit 22 Jahren Oberbürgermeister der Stadt Kaufbeuren, berichtet: „Wir haben inzwischen vor unserem geistigen Auge vier Bahnhöfe errichtet und wieder abgerissen.“ Erst jetzt, als IBA-M-Projektkandidat, gehe es am Bahnhof Kaufbeuren endlich voran. In Augsburg-Oberhausen sind eher Drogen das Problem. In Freising wiederum soll rund um den Bahnhof ein komplett neues Quartier entstehen, das „Zukunftsquartier” – ebenfalls ein Projektkandidat der IBA-M. Gemeinsam ist allen, dass die entscheidenden Hürden nicht am Bahnsteig liegen, sondern schon davor beginnen.

  • Sanierungsstau: Jahrzehntelang wurde das Schienennetz kaputtgespart. Jetzt kommt die DB InfraGo, die für die Infrastruktur zuständig ist, mit der Sanierung kaum hinterher. Sie und die von ihr beauftragten Baufirmen können nicht alles auf einmal angehen. Aktuell arbeiten sie allein in Bayern an rund 1.400 Projekten, um die Bahn zu verbessern.
  • Starre Zuständigkeiten: Die Deutsche Bahn sah sich lange nur für den Verkehrsbetrieb zuständig – das, was rund um den Bahnhof passierte, war Sache der Kommunen. Doch inzwischen gibt es bei der DB InfraGo eine eigene Kompetenzstelle „Bahnhofsvorplatz und Anschlussmobilität“, die Kommunen kostenfrei berät. Wenn alle ein, zwei Meter über ihren Zuständigkeitsbereich hinausgehen, können wir mehr erreichen.
  • Flächen als Flickenteppich: 1.024 Bahnhöfe gibt es in Bayern. Doch längst nicht alle gehören der DB. Ein beachtlicher Teil der historischen Empfangsgebäude wurde an Städte, Kommunen oder private Investorinnen und Investoren verkauft. Bei den Flächen drumherum sieht der Flickenteppich noch bunter aus. Wer Bahnhofsumfelder entwickeln will, muss alle Beteiligten an Bord holen – wie hier in der Netzwerkstatt.
  • Leere Kassen: Städte und Kommunen, die ihre Bahnhofsumfelder verändern wollen, sind auf Fördermittel angewiesen. Doch die setzen oft ein Konzept voraus, dessen Entwicklung selbst Zeit und Geld kostet. Fördermittel können besser kombiniert und private Investorinnen und Investoren gewonnen werden. Lichtblick: Die erfolgreiche Städtebauförderung soll in den nächsten Jahren verdoppelt werden.

Es geht also voran, trotz aller Hürden. Doch wohin soll die Reise gehen? Ein Beispiel vom Rand der Dresdner Heide zeigt, was möglich ist.

Wissensaustausch bringt alle weiter – auf dem Podium ebenso wie im Publikum © IBA-M / forStory

Dresden-Klotzsche: Der Bahnhof mit der Boulebahn

Gerd Probst ist ein Nerd, das sagt er selbst. Beruflich berät er zu Fahrpreisgestaltung, privat sammelt er Bahnpoesie. Und er hat einen Bahnhof gekauft. 2014 war das, und das Kulturdenkmal in Dresden-Klotzsche eine Ruine. „Probst & Consorten“ bauten es wieder auf und belebten es neu. Heute nutzen täglich circa 3.100 Reisende den Biobahnhof.

Warum der Bahnhof lebt? Weil er Angebote macht, die Menschen gerne nutzen. Es gibt Carsharing und eine Fahrradwerkstatt, aber auch einen Pausenraum für Busfahrende. Der Büchertauschschrank ist fast so beliebt wie der Supermarkt. Ein Teil des Parkplatzes fungiert als Boulebahn; Kugeln zum Leihen gibt es in der Bahnhofswirtschaft. Einmal meinte ein Polizist zu Gerd Probst: „Seit ihr es so schön gemacht habt, haben wir hier gar keinen Vandalismus mehr.“

Natürlich ist das Kulturdenkmal in Dresden-Klotzsche einzigartig. Auch Gerd Probst findet, ein Bahnhof gehöre eigentlich in kommunale Hände. Aber was sich übertragen lässt, ist der Pragmatismus, durch den ein altes Fenster zum Büchertauschschrank wurde. Und die Identifikation der Menschen vor Ort, die sich „ihrem“ Bahnhof verbunden fühlen – und daher auch bereit sind, den Büchertauschschrank selbst zu pflegen.

Fünf Ideen aus der Netzwerkstatt

„Meine Stadt, mein Bahnhof“ – auch für viele Teilnehmende der Netzwerkstatt ist das der wichtigste Antrieb. Im Austausch mit Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland erarbeiteten sie zahlreiche Lösungsansätze, um die Bahnhofsumfelder in der Metropolregion weiterzuentwickeln. Fünf zukunftsweisende Ideen:

  • Der französische Mobilitätsdesigner Yo Kaminagai bot an, einen „Wayfinding“-Workshop durchzuführen. Dabei besuchen alle Beteiligten den Bahnhof mit einer konkreten Aufgabe, etwa „Finde Bussteig 3“. So wird schnell klar, wo die Orientierung klappt und wo nicht. Auf der Karte werden die entsprechenden Wege in Ampelfarben markiert. Rot heißt: dringend ändern.
  • Schnell oder einzigartig? Bahnhofsumfelder müssen einen Weg finden zwischen Individualisierung und Standardisierung. Letzteres ist oft schneller, doch Bahnhöfe sollen auch als unverwechselbares Gesicht einer Stadt funktionieren. Ein Baukastensystem aus standardisierten und individualisierbaren Elementen könnte die Lösung sein.
  • Roland Kager aus den Niederlanden arbeitet am liebsten mit Daten. In Eindhoven ließ sein Studio Bereikbaar zweitausend Freiwillige ihre Wege drei Wochen lang über ihre Smartphones aufzeichnen. Das ergab ein völlig neues Bild davon, welche Orte die Menschen besuchen und welche Verkehrsmittel und Routen sie dafür nutzen. So lässt sich besonders bedarfsgerecht planen.
  • Gunnar Heipp von der Ostschweizer Fachhochschule schlug vor, 20 bis 30 Bahnhofsvorplätze in der Metropolregion temporär umzugestalten. So ließe sich unkompliziert testen, welche Gestaltungen und Angebote von den Menschen vor Ort angenommen werden.
  • Die Baustelle als Event: Früher standen Baustellen für den Fortschritt, heute nehmen wir sie nur noch als Einschränkung wahr. Gucklöcher, Baustellenführungen und Baggerfahren könnten wieder Lust auf Zukunft machen.

Aus der Arbeit an beispielhaften Bahnhöfen in der Region entstanden Ideen, die sich auch auf andere Bahnhofsumfelder übertragen lassen. © IBA-M / forStory

Wie es jetzt weitergeht

Die zwei Tage in Fürstenfeldbruck zeigten: Der Netzwerk-Ansatz funktioniert, weitere Kommunen wie Unterschleißheim und Starnberg sind ebenfalls interessiert. Natürlich werden Bahnhofsumfelder nicht von heute auf morgen schöner. Doch die Lösungsansätze sind längst da. Indem das Netzwerk Bahn und Kommunen zusammenbringt, steigert es nicht nur die Qualität von Projekten rund um Bahnhöfe, sondern erleichtert auch ihre Umsetzung. Denn das Etappenziel ist klar: Die IBA-M als Dach des Netzwerks soll bis 2034 Ergebnisse präsentieren.

Prof. Dr. Oliver Weigel, Geschäftsführer der IBA-M, bringt es auf den Punkt: „Eine Bauausstellung, die zehn Jahre läuft, misst sich daran, was nach ihr bleibt. Es braucht Strukturen, in denen Kommunen weiter voneinander lernen, wenn wir längst fertig sind. Deshalb ist dieses Netzwerk von Anfang an so angelegt, dass es uns überdauert.“


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