
Lemberg/Lwiw in der Ukraine gilt als Vorreiter für zukunftsweisende Stadtentwicklung. IBA-M-Geschäftsführer Oliver Weigel besuchte die Stadt zum „Lviv Urban Forum“. Sein Ziel: herausfinden, was die Metropolregion München und Lemberg/Lwiw voneinander lernen können. Von seinen Eindrücken berichtete er uns hautnah in Fotos und Textnachrichten. Sein Reisetagebuch zeigt eine Stadt, die trotz des Krieges auf eine lebenswerte Zukunft hinarbeitet.
von Oliver Weigel
Das erste Mal fuhr ich mit dem Nachtzug nach Lemberg/Lwiw. 2007 war das, als ich mit einer Gruppe Freundinnen und Freunde die Ukraine erkunden wollte. Drei Wochen lang reisten wir quer durchs Land, Simferopol, Jalta, Kyjiw. Schön? Nicht nur. Spannend? Auf jeden Fall. Vor allem riesig und beeindruckend. Und voller Widersprüche.
Später, als Referatsleiter für Stadtentwicklungspolitik im Bundesbauministerium, begann ich enger mit der Ukraine zusammenzuarbeiten. Denn Kommunen stehen überall vor ähnlichen Herausforderungen, und auch außerhalb der EU finden sich spannende Lösungen. Dann kam der Krieg.
Ich habe viel davon gehört, was Lemberg/Lwiw trotz allem leistet: große Projekte und Wettbewerbe, partizipativ, umsetzungsorientiert, mit beeindruckenden Ergebnissen. Der Kontakt hielt – auch, als ich 2024 Geschäftsführer der IBA-M wurde, der Internationalen Bauausstellung Metropolregion München mit dem Schwerpunkt Mobilität. Einer unserer Kuratoren, Anton Kolomeytsev, ist der Chefarchitekt von Lemberg/Lwiw.
Nun reise ich zum „Lviv Urban Forum“, der wichtigsten Konferenz zu Architektur und Stadtentwicklung in der Ukraine. Ich will wissen: Wie hat sich das Leben in Lemberg/Lwiw verändert? Was kann ich, können wir zur Stadtentwicklung in der Ukraine beitragen? Und welche neuen Impulse entstehen dort für die IBA-M?
Dienstag, 30. Juni
10:43 Uhr
Ich sitze im Flugzeug von Warschau nach Rzeszów im Südosten Polens, nahe der ukrainischen Grenze. Von dort soll es mit dem Auto weitergehen. Ich habe gehört, dass man an der Grenze oft mehrere Stunden warten muss, bevor man in die Ukraine einreisen darf. Mal sehen, wie es ist, wenn ich lande. Im Gepäck habe ich nicht nur meinen Vortrag fürs „Lviv Urban Forum“, sondern auch eine Mission.
14:37 Uhr
Am Ende dauerte es nur etwas über eine Stunde, bis ich einreisen konnte. Die Landschaft, durch die wir fuhren, war sanft und bewaldet, die Orte sahen nett aus. Nichts deutete auf den Krieg hin.
Schließlich erreichten wir Lemberg/Lwiw. Die Stadt wirkt auf den ersten Blick unverändert, so, wie ich sie vor viereinhalb Jahren zum letzten Mal gesehen habe. Aber in die Köpfe der Menschen kann man nicht hineinschauen. Meine Freunde hier haben mir erzählt, dass die meisten Söhne, Freundinnen oder Brüder an den Krieg verloren haben. Es gibt viele Binnenflüchtlinge, die Bevölkerung ist von rund 717.000 auf etwa eine Million angewachsen. Außerdem ist Lemberg/Lwiw auch der Ort, an dem Verletzte und schwer Traumatisierte aus der ganzen Ukraine Hilfe bekommen: im Reha-Zentrum „Unbroken“. Hier zeigt die Stadt, wie man selbst unter schwierigsten Bedingungen schnell und bedarfsgerecht bauen kann. Das möchte ich mir in den nächsten Tagen ansehen.

Auch das „Lviv Urban Forum“ ist perfekt organisiert, schon heute sind über 300 Teilnehmende eingetroffen. Morgen werden es wohl an die tausend sein. Ganz anders unsere IT: Die hat alle Aktionen aus der Ukraine heraus blockiert. Ich kann keine Mails empfangen, meine Präsentation für morgen nicht einsehen, gar nichts. Meine Mission, die um ein einziges Dokument kreist, muss ebenfalls warten. Erzwungener Feierabend. Auch gut …
Mittwoch, 1. Juli
11:46 Uhr
Heute, mit wacherem Blick, sehe ich überall in der Stadt Zeichen des Krieges. Die prachtvollen Kirchenfenster sind verdeckt. In den Straßen stehen Generatoren, die im Fall eines Angriffs die Stromversorgung übernehmen. Um 9:00 Uhr kommt plötzlich der Verkehr, das ganze öffentliche Leben zum Stillstand. Eine Minute lang gedenkt man im ganzen Land der Menschen, die die Freiheit an der Front verteidigen. Jetzt verstehe ich auch die Termine in meiner Agenda: Abholung um 9:01 Uhr … Und dann sind da noch die Erinnerungsschilder für die Gefallenen, direkt vor dem Rathaus. Etwa für Vasyl Y., der in der Baubranche arbeitete, Kochen und Zeichnen liebte und nur 37 Jahre alt wurde.
In diesem Ausnahmezustand ist das „Lviv Urban Forum“ ein Zeichen des Widerstands und der Hoffnung. Es zeigt, was dieses Land trotz allem leistet, auch in der Stadtentwicklung. Es bereitet den Wiederaufbau vor. Und es weist voraus auf eine lebenswerte Zukunft, hier in der Ukraine. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf „Spaces of Communities“: Wie wird Architektur zum Manifest gemeinsamer Werte? Wie lassen sich öffentliche Räume – Straßen, Plätze, Parks – so gestalten, dass Menschen sich dort gerne aufhalten? Kurz: Wie gelingt mehr Miteinander? Fragen, auf die auch wir als IBA-M für die Metropolregion München nach Antworten suchen.
Typisch Lwiw: Der Kongress findet in einem ehemaligen Industriekomplex am Rand des Burgbergs statt. In den 1990er- und 2000er-Jahren stand er lange leer. Dann entwickelte das Unternehmen !FEST, unterstützt von der Stadt, ein Konzept zur Umnutzung. Heute sitzen hier, bei 35 Grad Außentemperatur, an die tausend Leute. Der Moderator erinnert an die Soldatinnen und Soldaten, die mit ihrem Leben dafür einstehen, dass wir hier sitzen und unsere Meinung frei äußern können. Dann beginnt mein Vortrag.

16:49 Uhr
Internationale Bauausstellungen gibt es in Deutschland schon seit über hundert Jahren, doch im Ausland sind sie nahezu unbekannt. In meinem Vortrag wollte ich eine Brücke bauen zwischen der IBA-M mit ihren Mobilitätsprojekten in der Metropolregion und dem Stadtentwicklungsgebiet Lwiw Nord. Denn auch dort sollen langfristige, innovative Projekte den Wandel vorantreiben. Auch dort legt man Wert auf integrierte Planung, bei der alle Disziplinen – etwa Architektur, Landschafts- und Verkehrsplanung – von Anfang an dabei sind. Und auch dort ist das Ziel: eine nachhaltige und zukunftsfähige Stadt.

Lemberg/Lwiw zeigt, wie Stadtentwicklung selbst in schwierigsten Zeiten gelingt – etwa schnelles, bedarfsgerechtes Bauen oder die Sanierung großer Wohnsiedlungen. Die hier entstehenden Modelle ließen sich auch auf andere Metropolregionen übertragen. Umgekehrt könnte Lemberg/Lwiw von der IBA-M profitieren, durch den Austausch von Wissen, Erfahrung und Inspiration für die Mobilität von morgen.
Und genau das ist meine Mission: eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit zwischen Lemberg/Lwiw und der IBA-M. 2024 sprach ich zum ersten Mal mit Andrij Sadowyj, dem Bürgermeister der Stadt, über diese Möglichkeit. Jetzt, auf dem „Lviv Urban Forum“, möchte ich es endlich offiziell machen. Werden wir die nötigen Abstimmungen rechtzeitig schaffen?
Donnerstag, 2. Juli
12:58 Uhr
Was mir für immer im Gedächtnis bleiben wird, ist die Exkursion zu „Unbroken“. Das Krankenhaus wurde zu einem Reha-Zentrum erweitert, mit eigener Prothesenproduktion, Psychotherapie und Wohnungen für verletzte, traumatisierte und genesende Menschen. Anton Kolomeytsev nahm sich extra Zeit, um Burkhard Horn, Hilmar von Lojewski – beide im IBA-M-Kuratorium – und mir diesen Ort zu zeigen.
Es ist unfassbar, was Lemberg/Lwiw hier geleistet hat. Denn „Unbroken“ entstand mitten im Krieg, mit Architekturwettbewerben, mit hoher Gestaltungsqualität. Und noch dazu schnell, sehr schnell. Vor allem aber ist unfassbar, wie viele Schwerverletzte ich dort sah. Junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten und die sich jetzt, mit fehlenden Gliedmaßen, eine neue Zukunft erarbeiten müssen. Frauen, Kinder. Menschen, die hier im Traumazentrum behandelt werden, weil sie von russischen Soldaten gefoltert wurden. Es ist die menschenverachtende Brutalität dieses Angriffskriegs. Umso wichtiger ist mir in diesem Moment, dass wir der Ukraine zur Seite stehen.
15:30 Uhr
Die Absichtserklärung ist unterzeichnet! Heute kurz nach 15:00 Uhr hielten Andrij Sadowyj und ich auf dem „Lviv Urban Forum“ die unterschriebenen Dokumente in die Kameras. Auf unsere Partner hier ist einfach Verlass.

Was in der Absichtserklärung drinsteht? Dass Lemberg/Lwiw und die IBA-M bei nachhaltiger Stadt- und Regionalentwicklung, insbesondere im Bereich Mobilität, künftig noch enger zusammenarbeiten wollen. Wie können lebenswerte Stadtviertel neu entstehen? Wie schaffen wir eine Mobilitätsinfrastruktur, die allen Menschen offensteht? Die das Klima schont und obendrein noch Spaß macht? Dazu wollen wir Erfahrungen austauschen, Fachleute aus beiden Regionen zusammenbringen und gemeinsam Lösungen finden.
22:41 Uhr
Heute Abend gab es ein Friedenszeichen, eine Lichtinstallation vor dem Rathaus. Der Platz war voller Menschen. Wir alle ließen uns von der Atmosphäre einfangen. Lemberg/Lwiw, die Stadt im Krieg, schien für einen Moment so friedlich.

Freitag, 3. Juli
04:35 Uhr
Viel zu früh bin ich wieder auf dem Weg zurück nach München. Was nehme ich mit? Vor allem einen mutigeren Blick auf die „Krise“. Weil Lemberg/Lwiw im Krieg mit den Standardmethoden des Städtebaus nicht mehr weiterkommt, probiert es Neues aus – und schafft Großes. Bei uns hingegen verfallen viele schon in Schockstarre, weil das Geld plötzlich nicht mehr endlos ist. Was wir von Lemberg/Lwiw lernen können, ist eine fast schon trotzige Aufbruchsstimmung: Ja, wir sind in der Krise – jetzt gehen wir erst recht voran.
Wie wir diesen Aufbruch schaffen? Mit einem Blick über den Schnitzeltellerrand. Nicht alle Lösungen, die wir brauchen, müssen wir auch selbst entwickeln. Wir können uns abschauen, was bei anderen funktioniert, uns mit ihnen austauschen, die Lösung für uns anpassen. Das ist der Mehrwert der IBA-M, mit ihrem Fokus auf’s „Miteinand“, in der Region und international. Lemberg/Lwiw ist dafür ein erster starker Partner. Wenn ich zurück in München bin, ist eine meine ersten Aufgaben daher: die Absichtserklärung mit Leben zu füllen.